Donnerstag, 21. April 2016

Wie man eine Serienbibel anlegt, und wofür sie gut ist

Das Gesetz der Serie 6
Wer schon einmal ein Buch geschrieben hat, der weiß, wie schwer es ist, sich an all die kleinen Details, die man am Anfang des Buches eingeführt hat, zu erinnern, wenn man Wochen oder gar Monate später die letzten Kapitel verfasst. (War die Nebenfigur blond oder brünett? Wie viele Jahre ist der tragische Unfall her? War das Schlafzimmer auf der linken oder rechten Seite des Flurs?) Wenn es schon schwer ist, bei einem einzelnen Roman den Überblick zu behalten, wie mag es dann sein, wenn man eine ganze Serie schreibt? Oder gar an mehrere Serien in verschiedenen Universen?

Die meisten von uns schreiben zunächst erstmal drauflos, ohne zu wissen, wohin die Reise führen wird, wie viele Kapitel es werden und ob es eine Fortsetzung geben wird. Am Anfang glaubt man, alle Details im Kopf behalten zu können; schließlich ist man derjenige, der sie erfindet! Man hat ein Bild der Nebenfigur am Kassenautomaten im Kopf, natürlich weiß man noch, ob sie blonde Locken oder brünette Stoppelhaare hatte. Aber je länger man fürs Schreiben braucht, je öfter man Pausen einlegt, oder wenn man gezwungen ist, das Projekt ersteinmal beiseite zu legen, um sich einem anderen zu widmen, desto mehr vergisst man, dass man diese Details überhaupt verfasst hat, und muss sie später selber mühsam nachschlagen. Bei einem Einzelwerk mag das ja noch gehen – aber je mehr Bände man einer Reihe zufügt, desto schwieriger wird die Suche.

Serienautoren legen oft eine Serienbibel an, um den Überblick zu bewahren, und schnell auf alle Fakten zugreifen zu können.

Was gehört in eine Serienbibel?
Nun, alles, was man bereits etabliert hat.
- Charaktere: Aussehen, Familienverhältnisse, wichtige Ereignisse, Persönlichkeitsmerkmale, etc. Auch alle einzigartigen Macken, Hobbys, etc. Nebenfiguren sollten mit allen Details, die erwähnt wurden (Namen, Alter, Adressen, erstem Auftreten) notiert werden. Man weiß nie, wann jemand wieder erscheinen wird.
- Welten / Planeten / Städte/ Klassenzimmer / Wohnungen: Aussehen, Lage, ihre Hintergrundgeschichte, einfach alle wichtigen Details evtl. sogar mit Skizzen/ Karten/ Lageplänen.
- Magieregeln/ Gesetze/ Technikfunktionen: werden besondere Fähigkeiten eingeführt, oder außerirdische Technik, dsytopische Gesetze, oder einer Figur wird auch nur der Führerschein entzogen, so sollte das besser notiert werden. Besonders wichtig in SF / Fantasy. Wer  eine kleine technische Erfindung nebenbei erwähnt, so könnte diese Auswirkungen auf den ganzen Plot haben.
- Alle Hintergrundgeschichten: Stelle sicher, dass Du alles noch weißt und notierst, wer wann wen wo ermordet/ geheiratet/ von der Uni geworfen/betrogen hat
- Timelines: Über welchen Zeitraum spannt sich die Handlung, wie viele Tage oder Wochen sind vergangen (auch wichtig, zu welchen Jahreszeiten die Szenen spielen)
- Alles, was sonst noch später wichtig werden könnte.

In die Serienbibel kommen aber nicht all die Details, die man sich im Vorwege ausgedacht hat. Vielleicht fertigt Deiner Einer ja bereits Charakterbögen für seine Figuren an und denkt, er braucht daher keine Serienbibel.
Falsch!
In der Serienbibel wird dokumentiert, welche Informationen dem Leser in welchem Buch bereits gegeben wurden. Nach Möglichkeit sogar im originalen Wortlaut, also am einfachsten mit copy & paste. Anstatt zu schreiben:
Harry Potter, 12 Jahre, schwarze Haare,
notiert man: „Harry hatte ein schmales Gesicht, knubbelige Knie, schwarzes Haar und hellgrüne Augen. Er trug eine Brille mit runden Gläsern, die mit viel Klebeband zusammengehalten wurden.“ Band 1, 1. Kapitel.
Sobald ein neues Detail oder eine Figur auftaucht, notiert man also, was man über diese verfasst hat. Im Laufe der Zeit erhält man so eine kleine Liste:

Emma
- braune glatte lange Haare mit Pony, den ihre Mutter ihr geschnitten hat, nachdem Emma in der Grundschule immer mit ihrem Zwillingsbruder verwechselt wurde. (Band 1, Kap 3)
- trägt Kapuzenpullover , den sie Daniel weggenommen hat. (Band 1, Kap 5)
- Isst gerne Süßkram (Band 1, Kap 8)
- Hatte nie ein Haustier (Band 2, Kap 7)
- Wohnt mit Eltern in Reihenhaus in Barmbek (aber geht in Ottensen zur Schule, wo Marie wohnt, da dort die besseren Schulen sind, der Vater hat dafür gesorgt.) (Band 1, Kap 3)
- Legt Facebook-Profil an aus Eifersucht (Band 3, Kap 5)

Das hat den Vorteil, dass man sowohl die Entwicklung einer Figur nachverfolgen kann, als auch die Informationspolitik in einer Serie, also wann dem Leser kleine Happen wichtiger Informationen (z.B. darüber wie die magische Welt funktioniert und wie Du-weißt-schon-wer an die Macht kam) zugespielt werden.

Man legt so eine Serienbibel einfach in Word an, oder wer es übersichtlicher mag in Excel.
Schreibt man mit mehreren Autoren an einer Reihe, so kann man die Dateien online anlegen, z.B. in Word Online oder über eine *Dropbox, so dass jeder jederzeit Zugriff darauf hat.

Manche mögen natürlich lieber Papiernotizen, dann empfiehlt es sich, einen Ordner anzulegen, der in verschiedene Reiter unterteilt werden kann und evtl. mit Farbcodes, so kann man z.B. für jeden Band einer Serie eine eigene Farbe verwenden; Post-its hinzufügen oder Fotos einkleben.

Das alles klingt erstmal nach einem Haufen Arbeit. Ist es auch. Aber auf lange Sicht erspart man sich  viel Zeit und Mühe. Wer eine Serie über ein Dutzend oder mehr Bände plant, der wird die nächsten Jahre mit seinen Figuren und seiner Welt verbringen. Unmöglich alles im Kopf zu behalten. Unmöglich auch nur im Kopf zu behalten, in welchem Kapitel man etwas geschrieben hat. Eine Serienbibel kann einem den Arsch retten, denn wer glaubt, was man sich als Autor nicht merken kann, das merkt sich auch kein Leser, der irrt. J.K. Rowlings Fans sind sehr fleißig darin, auf  Unregelmäßigkeiten in ihrem Werk hinzuweisen. So verfassen sie ganze Wikis mit Einträgen wie diesen: „Manche Räumlichkeiten in Hogwarts liegen in den Bänden an unterschiedlichen Orten: Im Band 1 ist das Pokalzimmer im 3. Stockwerk (HP I/9), im Buch Harry Potter und der Feuerkelch im 6. Stockwerk (HP IV/25). Der Zugang zum Schulleiterbüro liegt im 2. Stockwerk ( HP IV/ 28); aber im 7. Stockwerk im Buch Harry Potter und der Halbblutprinz (HP VI/10).“ 

Letztendlich ist eine Serienbibel genau das: eine Wikia des eigenen Werks. Wer Glück hat, hat Fans, die diese für einen verfassen ;)
Aber bevor Fans einen auf Unstimmigkeiten aufmerksam machen, wollen wir Autoren das eigene Werk so sorgfältig wie möglich abliefern, nicht wahr?

Am einfachsten und effektivsten ist es, die Serienbibel während des Schreibens anzulegen. Besonders gut geht das in einem Schreibprogramm wie *Scrivener, dass einem Verknüpfungen, Karteikarten und Notizfunktionen erlaubt. Meiner Einer legt alle seine Projekte in Scrivener an, und könnte mittlerweile nicht mehr ohne.
                                    *Scrivener

Aber für manchen mag der Gedanke an das Anlegen einer Serienbibel noch während des Schreibprozesses hinderlich sein. Das ist ok. Man kann genauso gut bei der Überarbeitung des ersten Entwurfs damit anfangen. Für viele ist ja alles noch etwas schwammig beim ersten Entwurf und Details können sich im Nachhinein ändern. Damit man diese nicht auch in der Serienbibel ändern muss, kann man warten, bis man die Überarbeitung angeht. Ein Tipp: Nie etwas komplett aus der Serienbibel löschen, sondern nur durchstreichen! Neues mit Datum versehen. Man weiß nie, wann man doch wieder auf diese alte Idee zurückgreifen will.
Schließlich kann man Änderungen vornehmen, so lange das Buch noch nicht in Druck ist.
Ist es aber ersteinmal in den Händen der Leser, muss man mit dem leben, was die Vorgängerbände enthalten und kann nicht wieder zurück und das Schulleiterbüro in ein anderes Stockwerk versetzen - auch nicht mit Magie. Ähem.




Wie organisiert Deiner Einer seine umfassenderen Projekte? Legt ihr so etwas wie eine Serienbibel an? Freue mich über Tipps und Erfahrungsberichte in den Kommentaren!